Wie finde und halte ich gute Mitarbeiter? Teil 1

07.02.2019 | Sara Harmuth | Mitarbeiterbindung, Berufseinstieg, Berufsanfänger, Gehalt, Physiotherapie

Zum Anfang sei gesagt, dass sich beide Blogbeiträge theoretisch an alle Arbeitgeber richten, allerdings ist es hauptsächlich (wie die meisten unserer Themen) auf Physiotherapeuten bezogen.

Immer wieder oder auch schon über einen längeren Zeitraum haben viele Praxisinhaber freie Stellen und kämpfen um neue Mitarbeiter. Dies liegt zum einen daran, dass immer weniger Physiotherapeuten nachkommen und zum anderen, dass sich immer mehr erfahrene, ältere Physiotherapeuten für einen Branchenwechsel entscheiden. Im Gegenzug dazu nimmt aber die Nachfrage nach Physiotherapie stetig zu bzw. bricht keineswegs ab. Nicht umsonst sieht man in vielen Städten und sogar Dörfern eine Praxis nach der anderen.

Wer politisch das ganze ein wenig verfolgt, weiß, dass vor allem im vergangenen Jahr 2018 von verschiedenen Gruppen, einzelnen Physiotherapeuten und den Verbänden unfassbar viel versucht und auch schon erreicht wurde, an unserer derzeitigen Lage (und der aller Heilmittelerbringer) etwas zu ändern. Die wichtigsten Themen sind eine deutlich bessere Vergütung von den Krankenkassen, Schulgeldfreiheit (die meisten Schulen sind privat und die Azubis zahlen durchschnittlich 400€ monatlich) und auf lange Sicht ein Konzept für den Direktzugang, sodass alle Physiotherapeuten auch ohne ärztliche Verordnung therapieren dürfen und somit deutlich mehr Verantwortung einnehmen.

5€, 10€, 20€, 50€, 100€, 200€ und 500€ Schein sind aufgefächert zu sehen
© Pexels

Hier passiert bzw. ist schon einiges passiert. So wurde von unserem Gesundheitsminister Jens Spahn entschieden, dass es zumindest ab April 2019 eine einheitliche Vergütung für die einzelnen Heilmittel geben soll und zwar gerechnet an der derzeit höchsten, geltenden Vergütung. An diese müssen sich dann alle Krankenkassen richten. Außerdem wurde in einigen Bundesländern schon teilweise das Schulgeld abgeschafft. Allerdings sind dies bisher nur kleine Schritte um den Beruf des Physiotherapeuten wieder attraktiver zu machen. Denn die Bezahlung im Gegensatz zur teuren Ausbildung plus der teuren Fortbildungen hält leider viele Interessierte ab, diesen tollen Beruf für sich zu wählen.

Die nicht ganz zufrieden stellende Bezahlung v.a. in den Praxen liegt nicht am „bösen“ Praxisinhaber, sondern ganz klar an oben genannter Problematik mit der Vergütung, nach der sich jeder Praxisinhaber richten muss.

Gerade junge Physiotherapeuten, die gerade aus der Ausbildung kommen, verlangen ohne Berufserfahrung (abgesehen der Praktika-Erfahrung in der Ausbildung) und ohne vergütungswerter Fortbildung sehr hohe Gehälter. Außerdem noch einen 30-Minuten-Takt, Dokumentationszeit, Zuschläge für Fortbildungen, eine angemessene Zahl Urlaubstage und und und.

Keine Frage, dass es vom Prinzip her für jeden Physiotherapeuten sehr wichtig und richtig ist, sich nicht unter Wert zu verkaufen. Aber gerade den jungen, unerfahrenen Physiotherapeuten sei geraten, dass sie sich ihre Vorstellungen auch einmal aus der Sicht des Arbeitgebers ansehen müssen.

In diesem Blogbeitrag versuchen wir ein paar Ideen zu geben, die aus unserer Sicht und Erfahrung für Arbeitgeber - wie auch für Arbeitnehmer - ein Weg sein könnten, sich in der derzeitigen Lage in der Mitte zu treffen:

Mir persönlich ist Transparenz unheimlich wichtig und hat mich in meinen Forderungen oft runtergeholt. Das heißt konkret für den Arbeitgeber: Sprecht offen mit euren Angestellten! Sagt ihnen, wie die derzeitigen Zahlen im Unternehmen sind. Rechnet - gerade den ganz frischen Physiotherapeuten - die einzelnen Umsätze vor und was es bedeuten würde, wenn eine Krankengymnastik für einen gesetzlich versicherten Patienten für 30 Minuten lang terminiert wird. Auch was es bedeutet, wenn Lücken entstehen und diese Ausfälle nicht angemessen in Rechnung gestellt werden. Denn das Problem ist häufig, dass sowas in der Schule (Ausbildung) so gut wie gar nicht kommuniziert wird und es den meisten nicht bewusst ist, dass jede verlorene Minute Geld kostet.

Es geht natürlich keinen konkret etwas an, wieviel am Ende für den Arbeitgeber übrig bleibt, aber es sollte so viel Transparenz wie möglich herrschen. Legt eure Sollzahlen für euch und das Team fest und zeigt euren Angestellten, was es bedeutet, wenn diese in einem Monat oder einem bestimmten Zeitintervall nicht erfüllt werden.

Setzt aber im gleichen Maße keinen unter Druck oder beschuldigt eure Mitarbeiter für schlechte Zahlen, sondern erarbeitet offen Lösungswege, damit die Zahlen besser werden. So fühlt man sich als Angestellter auf Augenhöhe und vor allem einbezogen. Gedanken wie „was stellt der sich so an. Ich bin froh über den Ausfall, dann kann ich wenigstens mal einen Arztbericht schreiben…“ (dieser wird mit 0,70€ vergütet…) fallen dann vielleicht mal weg.

Außerdem kann man bei der Planung der Sollzahlen direkt über eine Mitarbeiterbeteiligung ab einem gewissen Betrag im Plus nachdenken. Dieser darf selbstverständlich nach Stundenanzahl der Mitarbeiter und aber auch deren Anwesenheit im gesamten Jahr ausgerechnet werden. Das schafft Motivation, wenn man als Angestellter weiß, dass man für mehr Arbeit über dem Sollwert auch am Ende mehr bekommt.

Ein Laptop mit einer Statistik
© Pexels

Bei den Gehaltsdiskussionen kann man einige zusätzliche Abmachungen treffen, um sich angemessen in der Mitte der Vorstellungen des Angestellten und des Arbeitgebers zu treffen. Es sollte ein gutes Grundgehalt ausgehandelt werden, aber nicht nur mit der Perspektive auf mehr, wenn eine kostenintensive Fortbildung geschafft wurde, sondern auch wenn z.B. die Selbstzahlerumsätze prozentual gestiegen sind.

Alle Praxen haben natürlich andere Angebote und es soll nicht darum gehen, dass die Patienten am laufenden Band aus eigener Tasche investieren (auch wenn jeder von uns weiß, dass es viele bei den IGEL-Leistungen der Ärzte ohne Einwände machen). Aber allein auf den therapeutischen Erfolg bezogen, macht es bei vielen Patienten einfach Sinn, zusätzliche Leistungen mit der verschriebenen Leistung zu kombinieren.

Nicht nur jeder Therapeut, auch jeder Patient hätte lieber 30 oder 40 Minuten Behandlungszeit als die gesetzlich z.B. für KG oder MT geltenden 15-25 Minuten. Daher ist es hier absolut sinnvoll, dem Patienten auf eigene Kosten mehr Behandlungszeit anzubieten. Und so bringt der Arbeitgeber nicht nur mehr Geld in die Kasse, sondern kann sehr viel entspannter und deutlich zielführender therapieren.

Taschenrechner mit aufgestapelten Münzen daneben
© Pexels

Jede Selbstzahlerleistung wie Tape, Warmpackungen oder Elektrotherapie gehört in Rechnung gestellt. Wer dies, gerade als Inhaber, immer noch nicht macht, darf sich nicht wundern, dass er A irgendwann kaputt gearbeitet ist, weil die Patienten immer mehr und mehr fordern, er B keine angemessenen Gehälter zahlen kann und C für ihn selbst am Ende des Monats nicht ausreichend übrig bleibt.

Physiotherapeuten - da kann ich mich persönlich absolut mit einschließen - sind schlechte Verkäufer. Am liebsten wollen wir jedem Patienten nur das Bestmögliche geben und dafür nichts verlangen. Aber das ist ein Denkfehler und da müssen sich alle Physiotherapeuten von fernhalten. Wir sind keine Samariter und müssen uns unsere Butter auf dem Brot schon hart genug erarbeiten.

(Leider ist das unter anderem immer wieder einer der Gründe, warum sich die meisten Physiotherapeuten nur als Konkurrenten und nicht als Kollegen sehen und untereinander kein guter Umgangston mehr herrscht.)

Entscheidet man als Arbeitgeber dem Gehaltswunsch des Angestellten tatsächlich nachzukommen, darf man auch dafür gewisse Zusatzleistungen erwarten: der Angestellte sollte so gut wie möglich für seinen vollen Terminkalender sorgen. Er sollte die Warteliste (wenn hoffentlich in jeder Praxis vorhanden) mitpflegen und grob wissen, welche seiner Patienten in entstandene Lücken rutschen könnten.

Auch die Kommunikation über kurzfristige Absagen liegt nicht nur bei der Rezeptionskraft, sondern bei jedem einzelnen Therapeuten. Sollten die Lücken bleiben, kann man erwarten, dass diese sinnvoll genutzt werden. Viele Praxen können sich beispielsweise eine ganztägige Besetzung der Rezeption nicht leisten. Daher heißt es gerade dann: AB abhören und die Anfragen abarbeiten.

Laptop, Handy und To Do Liste
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Die Angestellten können auch bei organisatorischen Dingen mit eingebunden werden, wie der Abänderung falsch ausgestellter Rezepte. Auch hier weiß ich aus eigener Erfahrung, dass es immer wieder Kollegen und Kolleginnen gibt, die nicht darauf achten (obwohl jeder Physiotherapeut gesetzlich dazu verpflichtet ist) und sich nicht darum kümmern, dass der Patient selbst sein Rezept abändern lässt. Das Rezept kommt dann irgendwann immer noch falsch, aber vollständig abgearbeitet bei der Abrechnung an und man kann es nicht einreichen. Wenn es über den Patienten nicht klappt, kann man seine Angestellten auch mal selbst zum Abändern zu den Ärzten schicken. (Meistens ist hier zu beobachten: wenn diese das immer wieder machen müssen, passieren weniger Fehler in der Zukunft).

Mit erfahrenen Kollegen kann man auch absprechen, dass sie gewisse Zeit in Arztaquisen investieren, um die Praxis und ihr Angebot den umliegenden Ärzten zu präsentieren. Auch die Einarbeitung neuer Mitarbeiter oder (sollte man eine Praktikumsstelle für Azubis sein) Betreuung der Praktikanten können diese Mitarbeiter gut übernehmen.

Das alles sind meistens Dinge, die beim Chef/der Chefin liegen bleiben und in diese viel Zeit investiert werden muss. Dafür ist der ein oder andere bestimmt bereit, etwas mehr zu zahlen, wenn er dafür selbst mehr Zeit für andere Dinge, für die eigene Therapie oder auch einfach nur für das kleine Wort „Freizeit“ hat.

In diesem Sinne hoffen wir, dass wir hiermit schon ein paar Anregungen geben konnten. Im zweiten Teil geht es mehr um andere Annehmlichkeiten, für die jeder Arbeitgeber wenig Aufwand betreiben muss, damit sich die Mitarbeiter wohl fühlen und gerne im Unternehmen bleiben.

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